Das Kartoffel-Rätsel

"Der dümmste Bauer hat die dicksten Kartoffeln"

Das Ärgernis

 Bauern besitzen Land. Durch ihr Monopol in der Nahrungsmittelerzeugung sind sie seit jeher privilegiert und von Regierungen als Notfallversorger immer wieder geschützt und subventioniert worden. Ja, sicherer Besitz kann auch zu einer gewissen Sturheit und Arroganz beigetragen haben. Das erweckt bei Nicht-Landwirten nicht unbedingt Sympathie. Ihnen auf der anderen Seite also die Vorzüge der meist gebildeteren Stadtbevölkerung abzusprechen (Teilhabe an höherer Bildung und anderen kulturellen Gütern, moderner Lebensstil, geistige Aufgeschlossenheit) zeugt wohl auch von einem Bedürfnis nach ‚gerechtem Ausgleich‘. Aber etwas ist auch daran: Wer Land besaß, mußte früher nicht über Bildungsqualitäten wie ein Stadtbewohner verfügen, um sein Auskommen zu haben. Bis heute grassiert selbst in Bauernschaften ein heimliches hierarchisches Denken, das sich an Landbesitz und der Größe von Traktoren bemißt.
 
Neben den Privilegien des Bauerntums sind es die Kartoffeln, die ärgern. Sie halten sich offensichtlich nicht an die Regeln der Gerechtigkeit. In einer ‚Leistungsgesellschaft‘ wie unserer gilt das Prinzip, daß Bemühen sich lohnen müssen, damit das System weiter funktioniert. Auch unsere moralische Erziehung bringt uns bei, daß Einsatz belohnt werde. Und da liegt der Widerspruch: Sollte es sinnlos sein, sich mit Intelligenz und Eifer  anzustrengen, wenn ‚Gottes Gaben‘ nach anderem Muster vergeben werden? Gibt es eine heimliche Wirkkraft, die mit bösem Schalk im Nacken gerade die Bemühtesten unter den Fleißigen straft?
Oder setzt sich Dummheit durch, weil sie sich weniger einen Kopf um anderes macht? (was sich ja in der Weltpolitik durchaus widerspiegelt). „Die Fertilität von solanum tuberosum ist indirekt proportional dem Intelligenzquotienten des Agrarökonomen“ (Voralberger Nachrichten, 25.3.2000). Im Sprichwort heißt es aber nicht, der Bauer sei faul, sondern lediglich ‚dumm‘. Den Vorwurf der Ungerechtigkeit müssen wir also diesbezüglich erst einmal zurücknehmen. 
 
Ein dumm machender Beruf?

Es zeigt sich ein verbreitetes Überzeugungssystem: Das ordinäre Bauerntum als Bevölkerungsgruppe gilt als Nachzügler in der Gesellschaft, erkennbar an einem (zumindest früher) durchschnittlich niedrigerem Bildungsstand als bei Stadtbewohnern, an traditioneller Lebensweise und vielleicht sogar instinktiver Abwehr eines modernem ‚Lifestyles‘. Das rechtfertigt natürlich Fernsehsendungen wie „Bauer sucht Frau“, die mit einer gewissen unfreiwilligen Komik und doch berührenden Unschuld diesen Berufsstand seine restliche Anerkennung kosten. Die Zeiten für die meisten Bauern sind schlecht.
 
Dicke Kartoffeln standen einmal synonym für Wohlstand. Sie ernährten die Menschen, als ‚dick‘ noch wichtiger war als ‚delikat‘. Kartoffeln wurden das Grundnahrungsmittel per se, seit sie im 17. Jahrhundert ihren Siegeszug aus der Anderenregion antraten. China und Indien sind heute die größten Produzenten, noch vor Rußland und natürlich Deutschland und den Niederlanden. Die Sorten, die sich klimatisch bedingt in Europa anbauen ließen, füllten die Keller der meisten Haushalte und versorgten die Bevölkerung über lange Winter. Der bis in die Mitte des 20. Jh. respektierte Berufsstand des Kartoffeln züchtenden Bauern bildete eine große und weit verbreitete Gesellschaftsschicht - bis zum Siegeszug der modernen Supermarktketten, die ihre Regale mit Waren aus dem Ausland füllen.
 
Rohstoffpreise für landwirtschaftliche Produkte sind seit den 70er Jahren eher gesunken als stabil geblieben (sofern sie nicht als Bioprodukte eine neue Renaissance erleben). Konzerne der Weiterverarbeitung, Logistik und Vermarktung von Lebensmitteln greifen sich den größten Teil vom Kuchen ab. Wenige Höfe überlebten in solch dünner Luft, nur große Flächen und hohe Qualität erlauben noch, davon eine Familie zu ernähren. Moderne Landwirte steuern heute ihre Produktion mit Hilfe von wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Zusammenspiel von Hochzucht-Saatgut, Wetterbedingungen, Bodenqualität, Düngemitteln, Anbaustrategien, mit Blick auf das Weltmarktgeschehen und alternative Vermarktungswege. Traktoren sind mit Computern ausgestattet, der Beruf erfordert nicht nur einen Einsatz ‚24/7‘, sondern in der Regel auch ein Studium. Wieso hält sich dennoch der Spruch vom ‚dummen Bauern‘ (auch ohne Verweis auf Kartoffeln)? Vielleicht weil ‚Ferien auf dem Bauernhof‘, imposante Gehöfte im Allgäu und die ‚lila Kuh‘ ein falsches Bild vermitteln? Oder sollten wir ‚Dummheit‘ anders interpretieren?
 
‚Dummheit‘ als neue Klugheit: Achtsamkeit und Resilienz

 ‚Dummheit als Weg‘ wird in modernen Gesellschaften (noch) nicht propagiert, scheint aber nach diesem Sprichwort in mancher Hinsicht erfolgreich zu sein. Der dümmste Bauer muß wohl über eine Klugheit anderer Art verfügen, die ihm den Segen dicker Kartoffeln beschert. Eben nicht nach der Methode ‚höher-schneller-weiter‘.
 
Aus der mittlerweile verbreiteten Achtsamkeitspraxis ist bekannt, daß inneres ‚Loslassen‘ von ehrgeizigen Verhaftungen zu neuer Fülle führt, weil Reibungsverluste vermieden werden. Der Mensch wird gelassener im Alltag, Ziele können streßfreier umgesetzt, wenn ständiges Grübeln über Vergangenheit und Zukunft, über Wenn’s und Aber’s unterbleibt. So lehrt es  Mindfulness Bases Stress Reduction (MBSR) als Therapieprogramm bei sogenanntem Burnout.
 
Und darüber hinaus nutzt ja vielleicht der ‚dumme Bauer‘ schon immer intuitiv, was heute in Managementkreisen als kluges ‚Bauchhirn‘ (Forschung und Literatur von Gerd Gigerenzer) propagiert wird. Auch in die moderne Resilienzforschung wird viel Hoffnung gelegt. Aus Langzeitstudien ist bekannt, daß weniger Schulbildung (zum Beispiel bei Slumkindern) mit  höher entwickelten Fähigkeiten zur praktischer Problemlösung einher gehen kann. Die Sinne sind hell wach (kein Smartphone fesselt das Denken und lähmt den Rest), sie erfassen Situationen ganzheitlich intuitiv, sind spontan und lernfähig, höchst kreativ in ihren Problemlösungen, haben einen Riecher für Gefahren und den ‚richtigen Moment‘. Resiliente Systeme (wie zum Beispiel viele Auswandererfamilien) sind sozial unterstützend und gut organisiert, sie verfolgen gemeinsame Ziele und tauschen sich über ihre individuellen Erfahrungen aus. So verwertet ihre gesammelte Intuition unzählige neue Informationen und verknüpft sie mit im Unterbewußtsein gespeichertem Erfahrungswissen (denn Lebensgeschichten sind immer auch Lerngeschichten). Daraus entsteht eine solche Komplexität in der Informationsverarbeitung, daß jeder Computer abstürzen würde. Und das alles ohne viel Schulbildung.
 
Ganz nebenbei: Auch Bauern sind immer schon als kooperierende Familiensysteme vorgegangen. Von früh an werden die Kinder einbezogen und die Alten arbeiten selbstverständlich weiter mit bis zuletzt. Landwirtschaft ist mehr eine Lebensweise als ein Beruf.
 
Vielleicht hat unser Bauer im Sprichwort (mangels Theorieüberflutung) nicht die Plage der Zweifel entwickelt, die ihn zaudern lassen könnte. Er vertraut blind seinem Gespür und der Natur. „Bauer, der du den Grund bebaust, dir ziemt, daß du dem Grund vertraust“ (ebenfalls eine Bauernweisheit). Solche Bodenhaftung („Erdung“ in New-Age-Kreisen genannt) schafft Urvertrauen in die Natur und in die Richtigkeit der eigenen Lebensweise. Sie läßt ruhig schlafen und entspannt leben. Je komplizierter und künstlicher das Leben ist, desto mehr entfremdet sich der Mensch von den natürlichen Prozessen. Desto mehr sucht er nach künstlichen Absicherungssystemen (Versicherungen, Prüfinstanzen, Kameras). Doch die gehen mit neuen Unwägbarkeiten einher und untergraben wieder, was erzeugen soll: Seelenruhe. Und in der städtisch verbreiteten Eile liegt die stete Sorge, nicht mithalten zu können im Konkurrenzgetümmel und der rush hour der Digitalisierung und Globalisierung. Der ‚dümmste‘ Bauer kennt das wohl kaum. Der Weg zum Nachbarn ist meist weit, das Land gibt ihm alles und „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“. Er schaut gelassen zu, wie die Kartoffeln wachsen und läßt ihnen Zeit. Denn das brauchen sie vor allem, um ‚dick‘ zu werden.

Ein Fazit

‚Zurück zur Natur‘ und den verborgenen archaischen Fähigkeiten von Menschen hat Konjunktur – als wenn eine Ur-Sehnsucht tief im modernen Menschen wach geworden wäre. Survival-Dokus wie „Dschungelcamp“ belegen beste Sendezeiten. Der Film „Verschollen“ hat viele zum nachdenklichen Schmunzeln gebracht. „Sir-Vival“ Rüdiger Nehberg ist seit langem eine ‚Institution‘ in Sachen Überleben in der Wildnis. Aber die Nachahmung reizt nur wenige, es ist sicherer, von der aus Wohnzimmercouch daran teilzunehmen und Respekt ist den Helden ja gewiß.
 
Auch immer mehr Menschen träumen durchaus mit gezielter Planung vom ‚beschaulichen Landleben‘, weil sie erkennen, daß weniger mehr sein kann, daß dort natürliche Rhythmen zurückkehren und angeborene Fähigkeiten wie eben dieses Spüren mit dem ‚6. Sinn‘ wiederbeleben. Das Leben mit der Natur ist zwar nicht so idyllisch, wie in mancher naiven Soap dargestellt, aber in gewisser Weise wahrhaftiger und gesünder. Die Natur kann man nicht betrügen, sie ist wie sie ist. Im ‚alten Weg‘ könnte also auch ein ‚neuer Weg‘ liegen, nicht nur für streßgeplagte Manager, die auf der Suche nach sich selbst ja wieder gern zu Fuß gehen …
 
In einem übertragenen Sinne geht es dem dummen Bauern also wie im Märchen „Hans im Glück“. Je mehr er sich fern hält von dem, was er nicht braucht und je sturer er jede Werbebotschaft und jede unnütze Information überhört, desto besser wachsen die Kartoffeln des Glücks. Die Bibel lehrt uns von den „Lilien auf dem Felde“ und den Vögeln - „sie sähen nicht, sie ernten nicht und Gott ernährt sie doch“ (Matthäus 6). In diesem Sinne steht der naturverbundene Bauer im Widerspruch zu dem Graffiti-Spruch einer sonst treffsicheren Jugendkultur: „Die Expansion der Knolle verhält sich reziprok proportional zur spirituellen Kapazität des Agrarökonomen“  (www.redensarten-index“). Verstehen wir Spiritualität auch als unmittelbare, intuitive und ganzheitliche Erfahrung der Natur und der in ihr wirkenden wundersamen Schöpfungskräfte, so sind wohl gerade die ‚dümmsten‘ Bauern am nächsten an der Quelle.