Philosophie

Das „3-Phasen-Konzept der Transformation“ 

Leben ist ein Auf und Ab – wie leicht sagt sich das. Jenseits der üblichen Schwankungen im Alltag sorgen verschiedene außerordentliche Anlässe in einem Lebensverlauf dafür, daß sich Menschen auf eine ‚Reise‘ begeben (müssen), um ihr Leben oft von Grund auf neu zu entwickeln. Ob vorhersehbare Ereignisse wie der Ruhestandsbeginn oder unvorhersehbare Lebenskrisen durch schwere Krankheit, Trennung und Verlust, berufliches Aus oder Sinnentleerung – alle haben sie gemeinsam, daß wir an einem Wendepunkt im Leben stehen. Das Bisherige existiert nicht mehr. Nie wieder wird es (oder soll es) so sein. Diese Umbrüche konfrontieren mit vielen offenen Fragen und oft schmerzhaften Gefühlen, Chaos und Überforderung.

Sogar positive Ereignisse können tief verunsichern, wie Studien aus der sogenannten critical incident - Forschung zeigen: Die Geburt eines Kindes oder ein Lottogewinn stellen das Leben gehörig auf den Kopf und bisherige Alltagsstrategien in den Schatten. Und für uns alle zeigt sich, daß Globalisierung und Digitalisierung, die Informationsflut überbordender Medienlandschaften und rasanter gesellschaftlicher Wandel mit Anonymisierung und steigendem Streßpotential in fast allen Lebensbereichen einher gehen und immense Anpassungsleistungen erfordern, die wir nicht unbedingt leisten wollen und oft auch nicht können. Immer mehr Menschen entscheiden sich freiwillig für einen Kurswechsel, nehmen eine Auszeit oder ‚steigen aus‘. Sie sind auf der Suche nach tieferer Erfüllung in ihren Tätigkeiten und Beziehungen, nach ‚Selbstentfaltung‘ (weniger nach gewinnorientierter ‚Selbstoptimierung‘), nach einem achtsamen Lebensstil oder sie möchten einen Traum verwirklichen.

Doch was unterscheidet die erfolgreichen Lösungswege von Menschen selbst bei größten persönlichen Katastrophen von denen, die daran zerknirschen? Es liegt nicht an der ‚Größe‘ einer Herausforderung, an äußeren Umständen, Bildungsstand, Alter oder der ‚richtigen‘ Unterstützung. Es liegt an der inneren Haltung! Menschen, die zu innerem Wachstum bereit sind, gehen weniger in Resignation, Vermeidung oder Ausweichstrategien. Sie suchen gezielt nach Informationen, erarbeiten sich eine große Klarheit über ihre Situation und entwickeln immer wieder Lösungsideen. Sie stellen sich dem Notwendigen, nutzen ihr soziales Netzwerk für Rückmeldungen, Rückendeckung und neue Blickwinkel, lernen aus Fehlern, bewältigen Unliebsames, überwinden Enttäuschungen, hadern nicht lange mit ihren Irrtümern, verwinden Verluste und suchen geduldig und kreativ Wege aus jedem Dschungel heraus. Schicksalsschläge und Lebenskrisen werden zu Aufgaben und der Weg ihrer Bewältigung führt zu mehr Selbstbewußtsein (Selbst-Bewußtsein) und Selbstvertrauen.

'Krisenkompetenz' kann man lernen, auch wenn uns jede Krise vor neue Herausforderungen stellt. Die moderne Resilienz-Forschung widmet sich diesem ungeheuren Potential an Selbsthilfekräften in Menschen. Doch wie es oft so ist: Der Zugang zu diesem inneren ‚Schatz‘ liegt nicht direkt vor der Nase, im Alltagsdenken und den gewohnten Strategien. Er erfordert eine Reise ins eigene Innere.
Der Schlüssel heißt ‚inneres Wachstum‘.

Wie schwierig dies jedoch zu vollziehen ist, zeigt sich in der zunehmenden Zahl von Menschen, die psychosomatische Krankheiten entwickeln oder in Krisen und an Lebensübergängen nur zu halbherzigen Lösungen gelangen. ‚Das kommt schon irgend wie‘ oder ‚Die Zeit heilt alle Wunden‘? Leider nein. Zeit selbst ist nur eine leere Hülle, der wir erst durch Erlebnisse Inhalt geben. Sie bleibt auch nicht stehen und wartet auf uns. Zeit kann eine innere Distanz schaffen, aber sie löst selbst kein Problem. Unsere Psyche ‚verstoffwechselt‘ Unverdaubares nicht einfach und neue Lebenskonzepte fallen nicht vom Himmel. Auf eine zufällige Lösung zu warten kann zur Zerreißprobe werden, wenn zwischendurch der Mut und die Reserven ausgehen. Nur durch eine schrittweise Anhebung des eigenen Bewußtseins auf ein höheres Niveau, die Heilung innerer Verletzungen und die ganz praktische Erweiterung von sogenannten Ressourcen (Ziele, Vorbilder, soziale Kontakte,  innere Ressourcen wie Analysefähigkeit, Selbstbewußtsein, social skills und Kreativität uvm.) gelingt es, einen erlittenen Verlust auszugleichen, eine Krise in eine Gewinn-Situation zu überführen oder eine Auszeit zur Erneuerung des Seins wirklich zu nutzen.

Die drei Phasen einer Transformation 

'Transformation' bedeutet Wandel von innen heraus (lateinisch transformare, spätlateinisch transformatio: „Umwandlung, Umformung, Verwandlung, Veränderung“ *). Transformation geht weit über ‚Transition‘ hinaus (lateinisch transitio: „Übergang“, transitare „hinübergehen“). Eine psychische Transformation bedeutet mehr als nur einen ‚Transitbereich‘ wie an einem Flughafen zu durchschreiten, bei dem vieles gleichbleibt oder durch den man sogar zum Vorherigen zurück kehren könnte.

Nehmen wir als Analogie die Reisen der frühen Auswanderer. Sie gingen an einem ‚alten Ufer‘ auf ein Schiff, daß sie über einen weiten ‚Ozean‘ zu einem ersehnten, aber kaum bekannten ‚neuen Ufer‘ brachte. Der Ozean war eine große Herausforderung - doch ohne ihn wären sie am ‚alten Ufer‘ im vertrauten Elend geblieben. Nur durch den Mut, sich dem ‚Ozean‘ zu stellen, gewannen sie neue Lebensperspektiven.

Viel ‚ungelebtes Potential‘ liegt auch in jedem von uns verborgen. Es zu verwirklichen braucht Mut und den festen Entschluß, sich einzulassen auf den eigenen ‚Ozean‘. Er steht für die innere Arbeit, die Bewegung in das unbekannte Vor- und Unterbewußtsein hinein, in dem vielleicht Dämonen lauern (als Konflikte, schmerzhafte Erfahrungen, falsche Glaubenssätze oder Ängste). Wer sich ihnen stellt und seine ‚Rätsel‘ löst, gewinnt Zugang zu besonderen Schätzen: unentdeckte Fähigkeiten, unerwartete Interessen und ungeheure Visionen. Von solchen ‚Heldenreisen‘ erzählen die Märchen und Dramen dieser Welt. Doch die uns von Natur aus inne wohnende Scheu vor dem Unbekannten (und manchmal auch die Hoffnung auf ein Wunder oder einen Trick) läßt uns lange zögern. Werde ich dem gewachsen sein? Wie wird mich diese ‚Reise‘ verändern? Und wer wird mich begleiten? 

Lebensveränderung vollzieht sich in drei Phasen, nicht nur in zweien. Wir können nicht einfach vom ‚alten Ufer‘ zu einem 'neuen Ufer' springen. Jede Phase hält Aufgaben bereit, die weder ausgelassen noch umgangen werden können. Niemand kann uns innere Arbeit abnehmen. Zunächst erfolgt die Loslösung vom Bisherigen, das zu erkennen, in Frieden zu bringen und zu verabschieden ist (Phase 1, am ‚alten Ufer‘). In einer längeren Übergangsphase wird sortiert, werden Konflikte geklärt, alte Fragen gestellt und neue Antworten gesucht, manches umgestrickt und anderes gelernt (‚der Ozean‘). Erst dann ist der Geist frei geworden von behinderndem Ballast und liegen die psychischen Stärken frei, neue Visionen zu entwickeln diese auch Schritt für Schritt umzusetzen (Phase 3, am ‚neuen Ufer‘). Die Bewegung geht also zunächst von 'außen' nach 'innen' und dann zurück nach 'außen'.

Am ‚alten Ufer‘ ist etwas zu Ende gegangen, meist ausgelöst durch ein Ereignis (oder auch das Ausbleiben eines heiß ersehnten Ereignisses wie zum Beispiel bei unerfüllt gebliebenem Kinderwunsch). Vielleicht liefern auch nicht länger erträgliche Lebensumstände die Motivation für eine Veränderung. Zunächst heißt es, die aktuelle Situation zu sichten und das Problem zu durchschauen. Vielleicht brauchen wir Zeit zum Trauern und Verdauen. Wichtig sind Unterstützungs-angebote in Familie, Freundeskreis oder durch Gleichgesinnte, eine gute Selbstfürsorge im Alltag (Essen, Schlafen, Bewegung, frische Luft) und eine Tagesstruktur mit Pausen zum Durchatmen und Besinnen. Zur Bewältigung eines Schocks, eines Traumas oder einer schweren körperlichen Erkrankung ist oft auch professionelle Hilfe angesagt. Auf jeden Fall ist Ruhe vonnöten, sollten Pflichten abgegeben und große Entscheidungen erst einmal auf Eis gelegt werden. Wohl oder übel muß von vielem Abschied genommen oder wie alte Glaubenssätze und Gerümpel im 'Keller' aussortiert werden (ganz praktisch wie sinnbildlich zu verstehen).

Mit ‚leichterem Gepäck‘ und einer bewußten Entscheidung zur Veränderung startet dann die Reise hinaus ins zunächst einmal Unbekannte.
Zur Ruhe kommend und oft allein mit sich führt die Weite und Stille des ‚Ozeans‘ zu intensiver Selbstbegegnung. Lange Spaziergänge und inspirierende Bücher, Achtsamkeitsübungen, Meditation oder auch Psychotherapie führen mehr und mehr in das eigene Innere hinein. Aus den Tiefen des Unterbewußtseins (des undurchsichtigen, dunklen Wassers) tauchen Erinnerungen, Gefühle und die typischen eigenen Muster auf, die Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln im Leben gesteuert haben. Andere Menschen und besondere Erlebnisse können zum Spiegel werden, in dem bisherigen Lebensstrategien, Werte, auch Konflikte, Irrtümer, Schleifen und Ausweichmanöver sichtbar werden. Mit den Erkenntnissen geht manches weitere ‚Gepäck über Bord‘. Aber wir haben auch die Option, uns so, wie wir uns nun erkennen, liebevoll anzunehmen und den Blick auf unsere Bedürfnisse und Wünsche zu richten.

‚Inseln‘ im Ozean (Urlaub und andere ‚nette‘ Angebote) sind wichtig als Erholungspausen im Prozeß, aber verführen auch schon mal dazu, dort, bei unfertigen halben Lösungen, stehen zu bleiben. All dies kann leise im Inneren eines Menschen gesehen, in Zurückgezogenheit und über längere Zeiträume, nicht immer für andere ersichtlich und nachvollziehbar, oder laut und stürmisch. Partner, Familie, intime Freunde und Arbeitsplatz sollten aktiv in den Prozeß einbezogen werden, um sie ‚mit ins Boot‘ zu holen. Sie sorgen im positiven Fall für ‚Wind in den Segeln‘ und geben Rückhalt, wenn wir zweifeln. Andere entpuppen sich vielleicht als ‚falsche Freunde‘ und verlassen nun das Boot.

Mit ‚Stürmen‘ ist zu rechnen! Intensive Krisenmomente  fordern uns heraus bis an den Rand des Erträglichen und Möglichen. Nebensächlichkeiten und Illusionen, Hadern und Zaudern fallen ab. Nackt stehen wir vor den großen Fragen des Lebens: Woher komme ich, wozu bin ich hier, wohin gehe ich? Ganz auf uns selbst zurückgeworfen verfügen wir plötzlich über größte Kraft und Klarheit. In diesen Momenten (er)finden wir unser Leben neu, lassen unsere ganze Kraft nach oben steigen, es öffnen sich innere Zukunftsbilder, die nun mit Mut und Entschlossenheit ‚die Segel setzen‘. Ein ‚neues Ufer‘ taucht am Horizont auf.
 
Wie auch immer sich diese Vision am ‚neuen Ufer‘ zeigt, sie braucht Kraft, Aufmerksamkeit und Liebe. Denn es warten einige Prüfungen auf sie, um sie in vielen Schritten vom Traum über eine realistische Planung bis zur praktischen Realisierung zu führen. Aber wenn wir ‚angekommen‘ sind und die Ernte der Transformation einfahren, werden wir spüren, wofür es sich gelohnt hat. Worin die Früchte bestehen liegt in einem Menschen selbst, niemand kann das vorhersehen. Manche sind leise wie lächelnde Gelassenheit und unerschütterliche Zuversicht, andere warm wie eine neue Beziehung oder ein gesünderer Lebensstil, einige stark wie ein großes berufliches Projekt oder der Umzug in ein anderes Land.

Das Leben behält sich seine Überraschungen vor. Es wird kaum so geordnet wie in einem Modell ablaufen. Die Grenzen zwischen den Phasen und den Aufgaben verwischen sich, manches Thema muß mehrfach durchgearbeitet werden oder unerwartete Hindernisse und Herausforderungen tauchen auf. Jeder Mensch geht diesen Weg für sich, oft allein, in seinem Tempo, mit seinen Strategien. Deshalb ist eine Transformation immer eine individuelle Reise, in der zuletzt eine ganz eigene neue Lebenslösung entwickelt wird. Wer diesen Weg unverdrossen weiter geht, der kommt auch an – vielleicht nicht da, wo er sich anfangs hinträumte, aber immer an einem ‚neuen Ufer‘ mit höherem Bewußtsein und neuer Erfüllung. ‚Erfolg‘ bedeutet weniger ein Ergebnis nach meßbaren Kriterien als den Mut zum Anfangen, die Kraft zum Durchhalten, die Überwindung von Ängsten und das Zulassen neuer Erfahrungen, der Stolz, etwas ganz Eigenes zu erschaffen und zuletzt tiefe Dankbarkeit für das Wunder zu leben. 

Evolution durch 'Transformation': Das Leben strebt nach Entfaltung, Vielseitigkeit und Gesundheit. Wir erleben dies nun in allen Lebensbereichen: Selbstfürsorge und Genußfähigkeit, sensible Selbstwahrnehmung und stabiles Selbstwertgefühl, Authentizität und Glück in Beziehungen, Balance zwischen Arbeit und Freizeit, Frieden mit der eigenen Vergangenheit, frische Zukunftsideen, auch eine bewußtere gesellschaftspolitische Haltung und eine eigene Lebensphilosophie. Es geht um größere Spielräume, um Freiheitsgrade. Denn es wurden nicht nur ‚Knoten‘ aus der Vergangenheit aufgelöst, sondern der Blick hinter den Horizont gewagt. Es wurden neue Fähigkeiten erworben, der Alltag wird achtsamer wahrgenommen und bunter gestaltet. Das Mitgefühl mit anderen ist gewachsen durch diese Auseinandersetzung – auch deren Leben ist wohl nicht einfach. Hier und Jetzt haben mehr Kraft und Klarheit gewonnen. Es ist wichtiger, etwas Kleines zu tun als von Großem zu reden.

Die moderne Gesellschaft scheint uns manche praktische Mühe früherer Generationen abzunehmen. Für alles und jedes werden Dienste und Mittelchen angeboten, das Dasein ist mit Luxusgütern und der Geist mit Input überhäuft, ‚höher-schneller-weiter‘ gelten als Garant für Erfolg. Doch werden wir dadurch wirklich glücklicher, gesünder oder gar freundlicher? Wir müssen es wohl erst am eigenen Leib spüren, wie leicht wir bei allem äußeren Wohlstand unsere innere Zentrierung verlieren, wenn die Gegenwart uns mit Überforderung und seelischer Not, die Vergangenheit mit Befremden und die Zukunft mit Angst lähmt (auch vor den Schattenseiten des ‚westlichen Lebensstils‘, die uns mittlerweile global bedrohen). Und wie wenig dann simple Strategien oder käufliche (Schein-)Sicherheiten helfen. Der Weg zur ‚Meisterschaft im Leben‘ war noch nie bequem. Eine ‚Entgiftungskur‘ vom Haben und eine (neue) Entdeckung des Seins wären vonnöten. So haben Lebenskrisen doch auch einen tröstlichen Aspekt: Allen geht es gleich. Aber genau so ist es JEDEM Menschen möglich, sein Leben wieder neu in die Hand zu nehmen. Wo wir starten ist nicht wichtig, auch nicht an welcher Weggabelung wir stehen oder vor welchem Berg an Schwierigkeiten, sondern daß wir es angehen. Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Der Mensch, der den Berg versetzte, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen".