Philosophie

Das „3-Phasen-Konzept der Transformation“ 


wurde von mir in vielen Jahren psychotherapeutischer Tätigkeit Schritt für Schritt entwickelt. Menschen in Krisen haben mich unglaublich Wichtiges gelehrt: eine realistisch-optimistische Grundhaltung - mit den Füßen auf der Erde und dem Geist über den Wolken, der hinter den Horizont schaut. Ich freue mich, wenn das 3-Phasen-Konzept Menschen anspricht, die auf einer ‚Reise‘ sind, auch wenn es um ein Sabbatjahr oder Auswandern geht. 

Was unterscheidet die erfolgreichen Lösungswege von Menschen in Lebenskrisen von denen, die daran zerknirschen? Es liegt nicht an der Größe einer Herausforderung, an äußeren Umständen, Bildungsstand, Alter oder den ‚richtigen‘ Freunden. Es liegt an der inneren Haltung. Menschen, die zu Anstrengung und Wandlung in einer Krise bereit sind, gehen weniger in Verleugnung oder Resignation, in Vermeidung oder Ersatzhandlungen. Sie suchen gezielt nach Informationen, können Hilfe annehmen, erarbeiten sich Klarheit über ihre Situation und entwickeln daraus Lösungsansätze. Sie stellen sich dem Notwendigen, nutzen ihr soziales Netzwerk für Rückmeldungen und Rückendeckung. Auch sie hadern mit ihren Rückschlägen, aber sie lernen aus Fehlern und bewältigen Unliebsames. Sie leiden unter Enttäuschungen und betrauern ihre Verluste, aber sie geben nicht auf. Schicksalsschläge, schwierige Lebensübergänge und andere Lebenskrisen werden zu Aufgaben und der Weg ihrer Bewältigung führt zu mehr Selbstbewusstsein (Bewusstsein seiner selbst). 


'Krisenkompetenz' kann man lernen, auch wenn uns jede Krise vor neue Herausforderungen stellt. Die moderne Resilienz-Forschung widmet sich diesem ungeheuren Potential an Selbsthilfekräften in Menschen. Doch wie so oft liegt der Zugang zu diesem inneren Schatz nicht direkt vor der Nase, im Alltagsdenken und den gewohnten Strategien. Er erfordert eine Reise ins eigene Innere. Der Schlüssel heißt inneres Wachstum. Wie schwierig dies jedoch zu vollziehen ist, zeigt sich in der zunehmenden Zahl von Menschen, die an Lebensübergängen steckenbleiben, in Krisen nur zu halbherzigen Lösungen gelangen oder sogar langwierige psychosomatische Krankheiten entwickeln. 

‚Das regelt sich schon irgendwie‘ oder ‚Die Zeit heilt alle Wunden‘? Leider nein. Zeit selbst ist nur eine leere Hülle, die gefüllt werden kann. Wo keine Erlebnisse sind, da bleibt sie einfach leer. Und doch nicht stehen. Sie wartet nicht auf Handlungen, auf neue Erkenntnisse oder einen gesünderen Lebensstil, sie schreitet gnadenlos voran. Zeit kann eine innere Distanz schaffen, aber sie selbst löst kein Problem. Auf eine zufällige Lösung zu warten kann zur Zerreißprobe werden, wenn zwischendurch der Hoffnung und Reserven ausgehen. Nur durch eine schrittweise Anhebung des eigenen Bewusstseins auf ein höheres Niveau, die Heilung innerer Verletzungen und die ganz praktische Anwendung und Erweiterung von sogenannten Ressourcen gelingt es, eine Krise in eine Gewinn-Situation zu überführen. Über Ressourcen verfügen wir alle: Vorbilder, ein nahes soziales Umfeld, Angebote im kulturellen und im Gesundheitssystem, die uns Mut machen und dazu anregen, neue Ziele zu entwickeln. Auch innere Ressourcen wie Durchhaltevermögen, Selbstvertrauen, Analysefähigkeit, soziale Kompetenz oder Kreativität wurden meist ausreichend gelernt. Doch die meisten Menschen brauchen zunächst ein ‚Wachmacher-Signal‘ (zum Beispiel Schmerz), oft auch ein Mutmacher-Signal (gute Vorbilder) und Anleitungen, ein ‚Gewußt-wie‘.  

Die drei Phasen einer Transformation 

'Transformation' bedeutet Wandel von innen heraus (lateinisch transformare, spätlateinisch transformatio: „Umwandlung, Umformung, Verwandlung, Veränderung“). Transformation geht weit über ‚Transition‘ hinaus (lateinisch transitio: „Übergang“, transitare „hinübergehen“). Eine psychische Transformation bedeutet mehr als nur einen ‚Transitbereich‘ wie an einem Flughafen zu durchschreiten. 

Nehmen wir als Analogie die Reisen der frühen Auswanderer. Sie gingen auf ein Schiff, dass sie über einen weiten ‚Ozean‘ zu einem ersehnten, wenn auch noch kaum bekannten ‚neuen Ufer‘ brachte. Der Ozean mit seinen dunklen Tiefen und seiner orientierungslosen Weite war die große Herausforderung. Nicht zu vermeiden, wenn man den unseligen Zustand am ‚alten Ufer‘ hinter sich lassen wollte. Nur durch den Mut, sich eine lange Zeit in einem Zustand von ‚nicht mehr und noch nicht‘ zu begeben, gewannen sie neue Lebensperspektiven. 

Lebensveränderung vollzieht sich in drei Phasen, nicht nur in zweien. Wir können nicht einfach vom ‚alten Ufer‘ zu einem 'neuen Ufer' hinüberspringen. Jede Phase hält Aufgaben bereit, die weder umgangen noch delegiert werden können. Niemand kann innere Arbeit für uns machen. Zunächst erfolgt die Loslösung vom Bisherigen (Phase 1, am ‚alten Ufer‘). In der folgenden Übergangsphase (Phase 2, der ‚Ozean‘) werden Fragen gestellt und Antworten gesucht, innere und äußere Konflikte angegangen, alte Verletzungen besänftigt oder gar geheilt, Prioritäten hinterfragt, manches umgestrickt und anderes gelernt. Durch Fehler und Rückschläge klüger geworden und in den Stürmen auf See bewährt, ist der Geist frei geworden von behinderndem Ballast. Neue Zukunftsideentauchen auf und warten auf ihre Umsetzung (Phase 3, am ‚neuen Ufer‘). Die Bewegung geht also zunächst vom ‚Außen' ins ‚Innere‘, später dann zurück ins 'Außen'.
 
Viel ‚ungelebtes Potential‘ zur Lösung der eigenen Probleme liegt in jedem von uns verborgen. Es zu verwirklichen braucht den festen Entschluss, sich einzulassen auf den eigenen ‚Ozean‘. Er steht für die innere Arbeit, die Bewegung in das unbekannte Unterbewusstsein hinein, in dem Herausforderungen warten . Wer sich dem stellt und seine ‚Rätsel‘ löst, gewinnt Zugang zu besonderen Schätzen: unentdeckten Fähigkeiten, unerwarteter Unterstützung und ungeheuren Visionen. Von solchen ‚Heldenreisen‘ erzählen die Märchen und Dramen dieser Welt. Doch die uns von Natur aus innewohnende Scheu vor dem Unbekannten, manchmal auch die Hoffnung auf ein Wunder oder einen Trick, lassen uns lange zögern. Es wird anstrengend. Werde ich dem gewachsen sein? Wie wird mich diese ‚Reise‘ verändern? Und was wird am ‚neue Ufer‘ auf mich warten? 
 
 Am ‚alten Ufer‘
ist etwas zu Ende gegangen, meist ausgelöst durch ein Ereignis (oder auch das Ausbleiben eines heiß ersehnten Ereignisses wie zum Beispiel bei unerfüllt gebliebenem Kinderwunsch). Vielleicht liefern auch unerträgliche Lebensumstände die Motivation für eine Veränderung. Zunächst heißt es, die aktuelle Situation zu sichten und das Problem tiefer zu durchschauen. Vielleicht brauchen wir Zeit zum Trauern und Verdauen. Wichtig sind Unterstützungsangebote in Familie, Freundeskreis oder durch Gleichgesinnte, eine gute Selbstfürsorge im Alltag (Essen, Schlafen, Bewegung, frische Luft) und eine Tagesstruktur mit Pausen zum Durchatmen und Besinnen. Zur Bewältigung eines Schocks, eines Traumas oder einer schweren körperlichen Erkrankung ist professionelle Hilfe angesagt. Um Ruhe zu finden sollten Pflichten abgegeben und große Entscheidungen erst einmal auf Eis gelegt werden. Partner-In, Familie, innige Freunde und vielleicht auch der Arbeitsplatz sollten aktiv in den Prozess einbezogen werden, um sie ‚mit ins Boot‘ zu holen. Sie sorgen im positiven Fall für ‚Wind in den Segeln‘ und geben Rückhalt, wenn wir zweifeln. Andere entpuppen sich dann vielleicht als ‚falsche Freunde‘ und verlassen nun das Boot.

Die ‚Fahrt über den Ozean‘

Mit inzwischen ‚leichterem Gepäck‘ und einer bewussten Entscheidung zur Veränderung startet die Reise hinaus ins Unbekannte. Der Beginn eines stationären Klinikaufenthaltes oder eine Auszeit mit Pilgern können so ein Startschuss sein. Zur Ruhe kommend und oft mit sich allein ruft die Weite und Stille des ‚Ozeans‘ zu intensiver Selbsterkundung auf. Lange Spaziergänge und inspirierende Bücher, Achtsamkeitsübungen, Meditation oder auch Psychotherapie führen mehr und mehr in das eigene Innere hinein. Aus den Tiefen des Unterbewusstseins (des dunklen, undurchsichtigen Wassers) tauchen Erinnerungen, Gefühle und die typischen eigenen Gewohnheitsmuster auf, mit denen Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Handeln im Leben gesteuert wurden. Andere Menschen und besondere Erlebnisse können zum Spiegel werden, in dem bisherigen Lebensstrategien, Werte, auch Konflikte, Irrtümer, Wiederholungsschleifen und Ausweichmanöver sichtbar werden. Mit solchen Erkenntnissen geht manches weitere ‚Gepäck über Bord‘(zum Beispiel alte Glaubenssätze). Aber wir haben auch die Option, uns so, wie wir uns nun erkennen, liebevoll anzunehmen und den Blick auf unsere Bedürfnisse und Wünsche zu richten. 

‚Inseln im Ozean‘ (zum Beispiele Urlaube) sind wichtig als Erholungspausen im Prozess, aber verführen auch schon mal dazu, dort, bei unfertigen halben Lösungen stehen zu bleiben. Die rasch gefundene neue Beziehung, ein schnelles Jobangebot, ein Tagtraum vom Auswandern – sie spenden Trost und neue Hoffnung, doch viele halten nicht lang. Wie soll etwas wirklich Neues entstehen, wenn die alten ‚Muster‘ noch dieselben sind? Dazwischen gibt es Zeiten schier ohne Bewegung, ‚Flauten‘ auf dem Ozean, die schon die alten Seeleute fürchteten. Alles dümpelt oder kreiselt um immer dasselbe Thema – warum komme ich meinem Ziel nicht näher? All dies kann leise im Inneren eines Menschen gesehen, in Zurückgezogenheit und nicht für andere ersichtlich, oder laut mit größter Begeisterung oder Wut und Unzufriedenheit. 

Oft holt erst ein heftiger Rückfall oder ein akuter Konflikt eine wahrhaft neue Lösung ans Tageslicht. Mit ‚Stürmen‘ ist zu rechnen! Intensive Krisenmomente fordern uns heraus bis an den Rand des Erträglichen und Möglichen. Nebensächlichkeiten, Hadern und Zaudern fallen ab. Nackt stehen wir vor den großen Fragen des Lebens: Woher komme ich, wozu bin ich hier, wohin gehe ich? Ganz auf uns selbst zurückgeworfen verfügen wir plötzlich über größte Klarheit. In diesen Momenten (er)finden wir unser Leben neu. Es öffnen sich innere Zukunftsbilder, die schon in uns schlummerten und nun mit Entschlossenheit angegangen werden. ‚Setzt die Segel!‘ 

Ein ‚neues Ufer‘ 

taucht am Horizont auf. Wie auch immer sich diese Vision am ‚neuen Ufer‘ zeigt, sie braucht Kraft, Aufmerksamkeit und Hingabe. Denn es warten einige Prüfungen auf sie, um sie in vielen Schritten vom Traum über eine realistische Planung bis zur praktischen Realisierung zu führen. Wie eine Leiter, die von einer Wolke hinab auf die Erde führt, müssen wir wieder manche Illusion hinter uns lassen wenn wir uns 'erden'. Das kann anstrengend sein, ernüchternd und erneut Kämpfe erfordern. Aber wenn wir umgesetzt haben, was die Vision uns zeigte, wenn wir ‚angekommen‘ sind und die Ernte der Transformation einfahren, werden wir spüren, wofür es sich gelohnt hat. Manche Früchte sind leise wie lächelnde Gelassenheit und unerschütterliche Zuversicht, warm wie Selbstliebe und ein gesunder Lebensstil oder stark wie ein großes berufliches Projekt oder eine neue glückliche Beziehung.
 
Das Leben behält sich seine Überraschungen vor. Die Grenzen zwischen den Phasen und den Aufgaben laufen sicherlich nicht geordnet ab wie in einem Modell. Manches Problem muss mehrfach durchgearbeitet werden, mit unerwarteten Hindernissen ist zu rechnen. Es dauert meist länger als gedacht. Jeder Mensch geht diesen Weg für sich, oft allein, in seinem Tempo, mit seinen Strategien. Deshalb ist eine Transformation immer eine individuelle Reise, in der zuletzt eine ganz eigene neue Lebenslösung entwickelt wird. 

Es geht um größere Spielräume, um Freiheitsgrade und um pure Lebensfreude. Denn es wurden nicht nur ‚Knoten‘ aus der Vergangenheit aufgelöst, sondern der Blick hinter den Horizont gewagt. Wer diesen Weg unverdrossen weiter geht, der kommt auch an – vielleicht nicht da, wo er sich anfangs hinträumte, aber immer an einem ‚neuen Ufer‘ mit höherem Bewusstsein und tieferer Erfüllung. ‚Erfolg‘ bedeutet weniger ein Ergebnis nach messbaren Kriterien als den Mut zum Anfangen, die Kraft zum Durchhalten, Stolz auf den eigenen Weg und die Offenheit für immer neue Erfahrungen. 

Der Weg zur ‚Meisterschaft im Leben‘ war noch nie bequem. So haben Lebenskrisen doch auch einen tröstlichen Aspekt: Allen geht es gleich. Und genau so ist es JEDEM Menschen möglich, sein Leben wieder neu in die Hand zu nehmen. Wo wir starten, an welcher Weggabelung wir gerade festhängen oder vor welchem Berg an Schwierigkeiten wir uns fürchten – es ist wichtiger, heute etwas Kleines zu tun als von Großem morgen zu reden. Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Der Mensch, der den Berg versetzte, war derselbe, der anfing, kleine Steine wegzutragen".


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